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Der traurige Fall des „the Baron“

Am Samstag, den 26. Oktober 1895, stand in Londons Gerichtshof  Old Bailey ein Wilhelm Friedrich von Gellern vor Gericht. In den britischen Tageszeitungen hatte man ihm zuvor den Spitznamen „the Baron“ verpasst und man sprach vom „German Abduction Case“.

Ihm wurde zur Last gelegt, gemeinsam mit einem weiteren deutschen Aristokraten und seiner Komplizin, die, aus Deutschland verschleppte, fünfzehnjährige Lizette Schweighoeffer mißbraucht  und zur Prostitution gezwungen zu haben. Gellern erhielt ein halbes Jahr Gefängnis und Zwangsarbeit.

Aus den zahlreichen Zeitungsartikeln erschließt sich ein höchst unangenehmes Bild unseres Anverwandten. Hier ein deutschsprachiger Artikel aus der „Arbeiter Zeitung“, Wien

Stritt er bei seiner Verhaftung in einem Restaurant noch alles ab, tat so, als hätte er einem Freund aus finanzieller Not helfen wollen und das Alter des Mädchens nicht gekannt:

„Very well, I know all about it; it’s about that girl.“ When the warrant was read to him at the police station he remarked, „The count was hard up for money and asked me to go with the girl, and I consented. I acted in good faith, thinking the girl was older than she really is. I offered the girl some money, which she refused to accept, and I handed the money to the old woman in- stead.“

So zeichnet die Aussage des Mädchens ein absolut anderes Bild:

„…Schweighofer, who continued the terrible tale of her experiences after leaving Frankfort. She identified Von Gellern as „the baron“ who slept with her at the Swiss Hotel on the 14th of June. She was alone with „the baron“ a few minutes that afternoon and. he asked her how old she was. She said fifteen and a half years, and he said nothing. She went on to describe what took place, how she objected to his overtures, and how the prisoner Bauernfeind, who was outside, came in, and desired witness to consent. After telling witness to sleep with the baron she went away, and he locked the doors. During the night „the baron“ said to her, „Now you know for what purpose you are in England; but the time will come when you will get back to Germany.““

Auch die Zeitungen ließen damals buchstäblich kein gutes Haar an „the Baron“:

„baron is a partially bald, somewhat aristocratic-looking man and his general appearance betokened that he took great cure as to his dress.“

Mit anderen Worten: ein eitler, dubioser Adliger mit Halbglatze. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war er 39 Jahre alt, sein Geburtsjahr ist demnach um 1856 gewesen.

Nach einiger Recherche stimmt das eigentlich nur mit dem 1855   in Deutschland geborenen Friedrich von Gellern überein, der am 17.10.1877 in New York eine Anna Siegel heiratete. (Quelle New York, New York City Marriage Records, 1829-1940) Sein Vater, Carl Friedrich (von) Gellern, geboren bei Minden, verheiratet mit einer Julia von Brick, war der Bruder von Franz Ferdinand Gellern.

Offenbar nahmen es die, im angelsächsischen Sprachraum lebenden Gellerns mit der  Aberkennung des  Adelstitel hundert Jahre zuvor nicht allzu genau, denn während mein Urururopa Franz Ferdinand Gellern, bereits bürgerlich, eine steile Karriere hinlegte, trug der emigrierte Teil der Familie munter auch weiterhin das „von“ vor dem Namen. Nach den Charakterzügen zu urteilen, die sich in den Zeitungsartikeln offenbarten, unterstelle ich sogar Vorsatz , Hochstaplerei und niedere Beweggründe. Wo Licht ist, ist eben auch Schatten.

Rainer Gellern

Zwischen  den, nach New York ausgewanderten „von“ Gellerns und den im Raum Minden verbliebenen Gellerns bestand übrigens noch bis zum ersten Weltkrieg  Briefkontakt.

 

 

 

2 thoughts on “Der traurige Fall des „the Baron“”

  1. Gut und fluessig verarbeitete Geschichte. Nur ein kleiner Vertipper 🙂 Das Verb ’nehmen‘ wird auch in der Vergangenheit mit h geschrieben, nicht zu verwechseln mit dem Namen, den sie annahmen 🙂
    Oder habe ich die Rechtschreibereform wirklich verpasst?

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