Der kleine Jürgen und sein erstes Wohnmobil. Im Hintergrund die zerstörte Weserbrücke

Eine Kindheit in der Nachkriegszeit

Jürgen Gellern, Jahrgang 1939, schildert ausführlich seine Kindheit in Minden an der Weser. Er hielt diesen Vortrag im November 2015 vor einer Konfirmandengruppe und der Aufsatz läßt in seiner Detailtreue ein sehr lebendiges Bild einer Kindheit im Nachkriegsdeutschland entstehen. Außer auf den Verzicht auf einige lokale Einzelheiten, wie Straßennamen und die Schilderung seiner eigenen Konfirmandenzeit, ist der Bericht deshalb nahezu ungekürzt geblieben.


Frühe Kindheit

Ich kann mich an Ereignisse bis zu meinem Alter von vier Jahren zurück erinnern. In dieser Zeit bis ungefähr 1947 war meine Bezugsperson meine Mutter. Mein Vater wurde kurz nach meiner Geburt zum Militär eingezogen. Er war zwischen 1939 und 1947 nur zweimal kurzfristig auf Heimaturlaub.

Damals sah das Umfeld um unser Wohnhaus viel anders als heute aus. In der Breite unseres Grundstückes  hatten meine Großeltern von der Stadt Minden Ackerland  gepachtet und bestellten diese Fläche mit Früchten und Gemüsen zur Selbstversorgung. Im Stall wurde mit Abfällen aus dieser Fläche und aus der Küche ein Schwein gemästet und angrenzend an den Stall gab es einen Verschlag mit Hühnern. Zwei Kellerräume waren mit Regalen für die Aufbewahrung von Eingemachtem in Gläsern versehen.

Das Schwein wurde noch während des Krieges vom Hausschlachter geschlachtet. Er war verpflichtet, eine Schweinehälfte zur Versorgung der Bevölkerung abzugeben. Die andere Hälfte wurde portioniert und eingemacht

Im Kindergarten.

Eigentlich habe ich mich dort sehr wohl gefühlt bis auf ein Ereignis: Wir Kinder bekamen eines Tages bunte Trinkbecher gestellt. Alle freuten sich. Nur ich nicht. Ein anders Kind hatte mir meinen neuen, bunten Trinkbecher weggenommen.  Ich wollte ihn wiederhaben und beschwerte mich bei der Betreuerin. Sie antwortete mit dem Hinweis, ich solle ihn mir einfach mit Gewalt wiederholen. Der Führer brauche starke Jungen. Und deshalb solle ich mich selbst durchsetzen. Das hat nicht geklappt. Das andere Kind war viel stärker als ich. Zuhause bekam ich von meiner Mutter dann einen einfachen Aluminiumbecher und war damit zufrieden.

Weihnachten

In den Jahren 1943, 1944 und 1945 habe ich nur wenige Erinnerungen an die Adventszeit und Weihnachten. Ich erinnere mich an Plätzchen und Stollen backen. Dabei hat mich meine Mutter mitmachen lassen. Natürlich naschte ich in unbeobachteten Momenten sowohl vom frischen Teig als auch von den warmen und fertigen Plätzchen. Ich durfte dekorieren und die fertigen Plätzchen und Kekse in Keksdosen füllen.

Um einen Adventskranz zu bekommen wanderten wir im Wald und suchten Tannenzweige, die beim Weihnachtsbaumfällen liegen geblieben waren, auf. Zu Hause wurden die Zweige mit Bindedraht um einen Drahtring herum gebunden, mit Äpfeln, Bändern und Tannenzapfen verziert und mit vier Kerzen geschmückt.  Die Kerzen haben wir durch Schmelzen von alten Kerzenresten selbst gezogen. Der Docht war ein fein geflochtener Baumwollfaden. Den durfte ich mit meinen kleinen Händen selbst flechten.

Einen Weihnachtsbaum haben wir auf ähnliche Weise hergestellt. An einen Schrubber mit dickem Stiel nagelten wir unten ein Querholz an damit er aufrecht stehen konnte. In den Stiel bohrten wir mit einer Bohrwinde Löcher. In diese steckten wir angespitzte Tannenzweige. Sie wurden wie bei einer echten Fichte um den Stiel herum verteilt. Kugeln und Lametta waren im Weihnachtskarton im Keller. Ich durfte helfen, den Schmuck an den Baum zu hängen. Die Kerzenhalter wurden angebracht und selbstgezogenen Kerzen aufgesteckt.

In der Adventszeit hörten wir im Volksempfänger Weihnachtslieder und sonntags eine Predigt. Nur Heiligabend besuchten wir am Nachmittag den Gottesdienst in der Marienkirche. Ich habe an diese Jahre sowohl frohe als auch traurige Erinnerungen, da Krieg war und uns mein Vater fehlte.

Erinnerungen an den Krieg

Im Stadtgebiet lag während des zweiten Weltkrieges eine Fesselballonstation, bestehend aus vielen Wasserstoffgasflaschen, Seilwinden und leeren Ballonhüllen. Wenn die Alarmsirenen ertönten, öffneten die dort stationierten Soldaten die Flaschenventile und ließen in Abständen der Winden die Ballone an den Seilen aufsteigen. Ballone und Seile sollten Tiefflieger verhindern. Einmal hat ein englisches Aufklärungsflugzeug mit einer Tragfläche ein Seil gestreift. Ein Teil des Flügels wurde abgetrennt. Das Flugzeug geriet ins Trudeln und machte eine Notlandung im Mittellandkanal. Wir Kinder waren meist draußen und beobachteten dieses Ereignis. Da der Kanal nahe war, liefen wir hin und sahen, dass ein Schiffer mit seinem Beiboot den Piloten aus seinem sinkenden Flugzeug rettete. Die deutsche Militärpolizei und ein Krankenwagen waren zur Stelle und transportierten den verletzten Piloten ab.

Auf einem ehemaligen Bahndamm der Kreisbahn standen während der letzten Kriegsjahre Waggons mit Flakgeschützen und Munition. Es sollten die Schachtschleuse und die Kanalüberführung gegen Angriffe von Westen her geschützt werden. Wenn kein Alarm war, spielten wir Kinder dort mit den Flaksoldaten. Einmal überraschte uns ein plötzlicher Vollalarm. Die Soldaten legten uns in den Graben neben dem Bahndamm und mahnten uns die Ohren zuzuhalten und den Mund zu öffnen. Dann ging das Abwehrschießen der Flaks los. Nach gefühlter Ewigkeit ertönte dann die Entwarnung und wir konnten nach Hause laufen.

Ausgebombt

1944 fiel eine Bombe in den Garten unseres Nachbarn. Sein und unser Haus waren sehr stark bzw. stark beschädigt. Beide Häuser konnten nicht mehr bewohnt werden. Unsere Familie fand Unterkunft bei Verwandten in Obernkirchen. Täglich fuhr meine Mutter mit dem Fahrrad von Obernkirchen nach Hause um zu versuchen, das Dach wieder einzudecken, Mauerschäden zu flicken, die Fenster und Türen zu reparieren und Fensteröffnungen mit dicker Pappe zu verschließen. Um etwas Licht herein zu lassen schnitt sie kleine Gucklöcher in diese Pappen und klebte Zellophan, welches eigentlich zum Abdecken von Marmeladegläsern benutz werden sollte, über diese Löcher. Da sie alles allein tun musste, (mein Vater war zu dieser Zeit an der Ostfront, geriet in russische Gefangenschaft und kam erst zwei Jahre später wieder nach Hause) benötigte sie dafür etwa ein halbes Jahr.  Gerade als wir wieder in unser Haus zurückziehen wollten, geschah der Großangriff auf die Mindener Innenstadt. Einige Tage später klappte es dann doch. Ein Kohlentransporter der früheren Firma Taske an der Kutenhauser Straße holte uns in Obernkirchen ab und brachte uns mit unseren Sachen wieder nach Hause. Wenige Tage später rückten die kanadischen Soldaten von Westen kommend auf Minden vor. Die deutsche Kommandantur befahl die Brückensprengung. Wir wurden erneut evakuiert und zogen für eine Woche zu Freunden an der Kutenhauser Straße ein Stück weit hinter dem Saarring. Die Brückensprengung erzeugte keine weiteren Schäden am Haus.

Nach dem Krieg

Die Kanadischen und die Englischen Militärs waren da und der Krieg war zu Ende. In der Zeit vor dem Schulbeginn im Herbst 1945 spielten wir Kinder (es waren sehr viele weil der Führer es ja so wollte) meist unbeaufsichtigt in der näheren und weiteren Umgebung. Wir trieben uns auf Trümmergrundstücken, auf dem Gelände des Sägewerkes, in der benachbarten Siedlung und auf dem Nordfriedhof herum. Dort auf dem Nordfriedhof im Bereich der Weserböschung hinter dem Kreuz mit Wasserfall bauten wir unsere Baumburgen. Das gefiel aber den Kindern aus Todtenhausen nicht. Deshalb gab es zwischen uns und ihnen manchmal „Klopperei“. Z. B. zündeten die Todtenhauser Kinder einmal das trockene Gras unter den Bäumen, auf deren Ästen wir in unseren Baumburgen saßen, an. Wir mussten das kontern und fingen einen Todtenhauser Jungen ein. Neben dem unteren Eingang zum Nordfriedhof in Richtung Schachtschleuse befindet sich ein Bunker. Damals war er noch offen. Wir steckten den Jungen in den Bunker und schlossen von außen die Tür und die Luken. Damit er wieder befreit wurde riefen wir anonym die Polizei an und berichteten über die „Gefangenname“.  Nach einer Stunde war er wieder frei.

Einige wenige Kinder hatten graue Stäbe die innen hohl waren. Sie zündeten sie an. Die Stäbe brannten wie Wunderkerzen ab. Wir wollten wissen woher sie die hatten. Sie sagten uns, dass das Pulverstäbe aus Treibladungen von Granaten wären. Es gäbe auch kleine silbrige aus den Aufschlagköpfen der Granaten. Sie hätten Granaten gefunden und auseinander geschraubt. Wir ließen uns erklären wie man das macht und suchten nach einer Granate. Nachdem wir eine gefunden hatten, versuchten wir nach den Erklärungen der Anderen diese auseinander zu schrauben. Tatsächlich schafften wir es ohne Explosion und verteilten die „Ausbeute an grauen und silbernen Stäben“ gerecht unter uns.

Später hörten wir von einem Unglück mit mehreren toten Kindern, die das gleiche versucht und dabei die Granate zur Explosion gebracht hatten. Wir fanden in östlich von Minden gelegenen Wäldern noch mehrere Granaten und haben keine mehr angefasst. Zu dieser Zeit waren die meisten von uns gerade mal sechs bis sieben Jahre alt und im ersten bzw. zweiten Schuljahr.

Hamstern und Versorgung beschaffen:

Auf Lebensmittelmarken gab es nur kleine bis kleinste Portionen zu kaufen. Schon als sechsjähriger schickte mich meine Mutter mit den kleinen Abschnitten und Geld zu unserem Lebensmittelladen. Die Versorgung reichte aber nicht. Deshalb fuhr meine Mutter mit dem Fahrrad und mir auf dem Gepäckträger „aufs Land“. Wir suchten nach abgeernteten Feldern. Fanden wir eins, suchten wir alles Verwertbare und sammelten es auf. Das waren z. B. Ähren, ganz kleine Kartoffeln, kleine Runkelrüben, kleine Zuckerrüben u. s. w. Die Kerne aus den Ähren wurden getrocknet und zu Mehl gemahlen, oder zu Muckefuck (Kornkaffee) gebrannt. Runkelrüben wurden mit Steckrüben aus dem Garten vermischt um mehr Volumen zu erzeugen. Aus Zuckerrüben wurde im Waschkessel Rübenkraut gekocht. Das kam in Einmachgläser für Brotaufstrich und Zuckerersatz. Auch die ausgekochten Zuckerrübenschnitzel wurden als Kompott eingemacht. Am Rand der Felder und Wege wuchsen viele verwertbare Kräuter. Wir ernteten diese um daraus Salate und getrocknet Gewürze zu machen. Wir Schüler wurden aufgefordert, Kartoffelkäfer auf Feldern zu sammeln und in Marmeladengläsern abzuliefern. Auch für Salat und Medizin sollten wir Kräuter suchen und sammeln.

Rückkehr meines Vaters

seit Mitte 1944 hatten wir, bis auf eine Karte des Roten Kreuzes mit der Information, dass mein Vater in russischer Gefangenschaft sei, keine weitere Information über ihn erhalten. Im Herbst? 1946 saßen wir zum Mittagessen am Küchentisch als es zweimal kurz an der Haustür klingelte. Meine Mutter sprang vom Stuhl auf und rief: „Das ist Hansi“! Tatsächlich stand mein Vater vor der Haustür. Er war mit einer viel zu großen russischen Militärmütze, einem viel zu kleinen russischen gesteppten Wintermilitäranzug und mit aus Autoreifen geschnittenen und  selbst zusammen genähten Sandalen bekleidet. Er schien stark verschmutzt und total unterernährt zu sein. Meine Mutter führte ihn in den Garten. Dort zog er sich ganz aus und wurde von meiner Mutter mit DDT-Pulver eingestäubt. Anschließend gingen sie in die Waschküche. Meine Mutter heizte Wasser im Waschkessel auf und bereitete die Zinkbadewanne vor. Nach einem ausgiebigen Bad zog mein Vater frische Kleidung an und kam zu uns allen in die Wohnung. Er erzählte von seiner Gefangennahme, der Arbeit, die er bei den Russen leisten musste und von seiner Flucht zu Fuß aus dem Gebiet Wolchow in das Baltikum bis nach Stettin. Nach einer Haft bei den Polen wurde er ausgewiesen und kam mit einem Transport zufällig nach Minden. Hier auf dem Bahnhof ließ er sich aus dem Viehwaggon zwischen die Gleise gleiten und blieb dort liegen, bis der Zug weiterfuhr.  Er nahm den Weg über die Behelfsbrücke am Wesertor und bettelte um Geld für einen Fahrschein. Mit der Straßenbahn fuhr er vom Wesertor bis zum Parkhotel, früher Kaffee Knirre, und ging über den Karolinger Ring nach Hause. Ich hatte das Problem, dass mir dieser erwachsene und unbekannte Mann als mein Vater vorgestellt wurde. In kurzer Zeit gewöhnte ich mich an ihn und hatte Vertrauen gefasst. Er hat mir in der folgenden Zeit viele Fertigkeiten beigebracht, die ich später gut gebrauchen konnte. Hauptsache war für uns alle, dass die Familie wieder vollständig zusammen war. Erst ab diesem Zeitpunkt fing die harmonische Ehe meiner Eltern erst richtig an.

Schulzeit:   

Wie ich anfangs erwähnte, war ich in verschiedenen Schulen in Minden. Im Herbst 1945 wurde ich erstmalig in der Heideschule eingeschult. Kurze Zeit später war die Heideschule wegen eines Blindgängers gesperrt und ich kam in die Hafenschule. Verbotenerweise überquerten wir die Weser über die reparierte Kreisbahnbrücke. Dabei wurden wir vom Rektor dieser Schule beobachtet. Da dieser mein Onkel war, konnte ich für eine geringe Strafpredigt sorgen.

Die Hafenschule war schnell überfüllt. Also wurden wir „von der anderen Weserseite“ zur Königschule geschickt. Als die Heideschule wieder für den Unterricht freigegeben worden war, konnten wir wieder dorthin. Auf dem Schulweg gab es noch ein Problem: Die Besatzungsmacht hatte eine Sperrzone eingerichtet und mit Stacheldraht und Schlagbäumen eingezäunt. Wir hatten einen großen Umweg zu laufen um zu den Schulen zu gelangen. Manchmal und immer öfter schlichen wir unter dem Schlagbaum hindurch und  die Besatzungssoldaten beobachteten uns dabei mit einem Schmunzeln. Manchmal hielten sie uns an und schenkten uns Schokolade oder Kaugummi. Es kam aber auch vor, dass sie uns an der Paulinenstraße einfingen, auf einen Militärlastwagen luden wieder zurückfuhren. Dann mussten wir außen um das Sperrbezirk herum laufen und kamen zu spät zur Schule.

Nach einiger Zeit lockerte sich das Verhältnis zwischen Besatzungssoldaten und Schülern merklich. Für uns war es dann normal mitten durch das Sperrgebiet zu laufen. Einige Soldaten kannten uns daher auch schon bei der Schulspeisung auf dem Schulhof. Es gab z. B. Schokoladensuppe oder Suppe aus Erbswurst. Wir durften ein Militär-Essgeschirr mit Deckel mitbringen. Es gab eine Kelle in das Essgeschirr und nur einen Nachschlag in den sauberen Deckel. Ich fand mich sehr schlau damit, dass ich ein Essgeschirr mit drei sauberen Deckeln dabei hatte. Eine Kelle voll aß ich aus dem Essgeschirr und holte dreimal Nachschlag in den drei sauberen Deckeln. Den Nachschlag füllte ich in das Essgeschirr, verschloss es mit einem Deckel, verstaute die beiden anderen im Tornister und brachte das volle Essgeschirr mit nach Hause. Dort freuten sich alle über das zusätzliche Essen.

Ein Versuch, auf das Gymnasium zu wechseln schlug fehl. An der Aufnahmeprüfung nahmen einige Hundert Bewerber teil. Es war von vornherein klar, dass mangels Räumen und Lehrern nur 50 Schüler und Schülerinnen aufgenommen werden konnten. Bei der Auswertung der Prüfungsergebnisse landete ich auf Platz 55 und kam auf die Warteliste. Leider verließ keiner der 50 vor mir das Gymnasium. Ich blieb also auf der Heideschule. Von dort kam ich dann in die neu erbaute Bierpohlschule. Dort hatten wir Schülerinnen und Schüler das große Glück einen entnazifizierten und damit degradierten Gymnasiallehrer als  Klassenlehrer zu bekommen. Er unterrichtete uns mit dem Volksschulprogramm und vermischte es mit  Gymnasial-Unterricht. Wir haben es nie bereut. Ich beendete die Volksschule und bewarb mich zur Aufnahme in einer kaufmännischen Fachschule. Kurz darauf bekam ich das Angebot direkt in die Lehre zu gehen. Das tat ich dann und verzichtete auf die Fachschule und brachte es bis zum Bankkaufmann in der Westdeutschen Genossenschafts Zentralbank in Münster.

Jürgen Gellern


Kindheit heute:

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