1889

Prosa I

Chronik der Familie Gellern in Prosa, Teil I

Über die Ursprünge der Familie Gellern aus der Mitte des 16ten Jahrhunderts erfahren wir heute mehr über Querverweise in archivierten Dokumenten wie Neubürgerlisten, Testamenten, Bürgschaften und sogar Gerichtsakten, als über wenig aussagekräftige Einträge in Taufbüchern, oder Sterberegistern.

HausJürgen

Bedanken können wir uns dafür bei Walter von Geldern-Crispendorf, der seine Familiengeschichte nach siebenjähriger, sehr detaillierter Recherche im Jahr 1919 veröffentlicht hat. In seinem, fast dreihundert seitigen Buch „Geschichte der Familie v. Geldern und von Geldern-Crispendorf“ ermittelt er einen N.N. von Gellern als unseren gemeinsamen Vorfahren. Das Kürzel N.N. steht dabei für Nomen nominandum, einen Platzhalter, der besagt, daß der Name zum Zeitpunkt der Drucklegung noch nicht bekannt war.

Trotz all der Informationen, die wir diesem Walter zu verdanken haben, muß man allerdings sagen, daß es eine sehr aristokratische Form der Ahnenforschung betrieb. So schreibt er von „Erstgeborenen“, dem „Mannesstamme“, sucht nach „Epitaphen“„monumentalen“ Grabsteinen, aus denen sich ein Wappen ableiten ließe, hat auch keine Probleme damit, zu schreiben, die Familie Gellern wäre nach dem Weggang seiner Seitenlinie am niedersächsischen Stammsitz „im Mannesstamme ausgestorben“, obwohl die Ortsfamilienbücher um Celle herum von Nachfahren der Familie Gellern nur so wimmeln.

Immerhin widmet er unserem gemeinsamen Vorfahren und seinen vier Nachfolgegenerationen etwa fünfundzwanzig Seiten.

Die Gemeinsamkeit der beiden Familien endet allerdings schon in der ersten Generation der Nachkommen dieses N.N. von Gellern. Während sich Walter von Geldern-Crispendorf auf den erstgeborenen Jürgen von Gellern als Stammvater berufen kann, der in eine Adelsfamilie einheiratet und dessen Kinder und Kindeskinder studieren werden, eine Berufung als Juristen ins Fürstentum Greiz erhalten, geadelt werden, ein Wappen führen; beginnt unsere Seitenlinie mit seinem jüngeren Bruder Hans. (kein Adel, kein Erbe, kein Wappen, kein Studium. So ist das halt wenn´s Brei regnet und man keinen Löffel dabei hat.)

Heute wissen wir, daß es sich bei den Stammeltern unserer beider Familie wohl um das Ehepaar Arendt von Gellern und Catharina von Hencke handelte.

Bei Catharina von Hencke handelte es sich mutmaßlich um eine nordwestdeutsche Patriziertochter.

Bei Jürgen von Gellern müssen wir die Namensforschung oder Onomastik zu Hilfe ziehen. Da der Name von Gellern, bzw. von Geldern, wie er anfänglich oft geschrieben wurde, glasklar auf den Ort Geldern am Niederrhein verweist, handelt es sich um einen sogenannten Herkunftsnamen. Noch verstärkt durch das „von“ vor dem Namen, zu dem ich später noch mal komme.

Jürgen wurde nachweislich schon in Niedersachsen geboren, aber ob sein Vater Arendt derjenige war, der von Geldern nach Osten ging, läßt sich nicht sagen. Über ihn ist außer dem Vornamen nichts bekannt. Trotzdem spricht einiges dafür, daß er diese Reise in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts antrat.

Jetzt kommt ein wenig Geschichte:

Die Stadt Geldern war bis 1538 Sitz des gleichnamigen Herzogtums. Carl von Egmont war der letzte Herzog von Geldern, blieb ohne männliche Nachkommen und nach seinem Tod ging das Herzogtum an die erzkatholischen Habsburger unter dem expansionswütigen Kaiser Karl V. und das in der Hochzeit der Reformation.

Warum das wichtig ist? Nun, Carl von Egmont war der Schwager von Ernst dem Bekenner von Braunschweig Lüneburg. Und der hieß nicht von ungefähr so, denn die Stadt Celle bei Braunschweig war die erste deutsche Stadt, die uneingeschränkt evangelisch wurde.

Damit hätten wir potenziell schon mal einen religiösen Grund für das Abwandern unseres Vorfahren.

Dann verkam das, sehr wohlhabende, an der wichtigsten europäischen Verkehrsader, dem Rhein gelegene, Herzogtum Geldern nach der Annexion durch die Habsburger deutlich. Ein wirtschaftlicher Aspekt fürs Absiedeln?

Persönlich sagt mir die mündlich überlieferte Theorie, daß es sich bei Arendt von Gellern um einen „wandernden Ziegelbrenner“ gehandelt haben soll, am meisten zu. Wenn dieser Hinweis auch etwas despektierlich kolportiert wurde Wanderziegler waren bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein bitterarme Saisonarbeiter, die im Herbst Lehm aus Ziegelgruben holten, um ihn im nächsten Frühjahr zu Ziegeln zu Formen und zu Brennen. Von 1559 bis 1643 finden sich Unterlagen, wie zum Beispiel Gerichtsprotokolle oder Pachtverträge Hinweise auf gleich vier Mitglieder der Familie Gellern als „Ziegelmeister“„Verwalter“  oder „Pächter“ von Ziegeleien, bei denen es sich um nichts geringeres, als den „fürstlich Lüneburgischen Ziegelhof“ in Wohlenrode oder die „Ratsziegelei Celle“ bei Garßen handelte.

So waren Ziegel im nordwestdeutschen Raum und in den Niederlanden die damals einzige Möglichkeit, massive Gebäude zu errichten. Sie gaben sogar einem ganzen Baustil seinen Namen: der Backsteingotik. Die Ziegelbauweise war teuer und somit exklusiv dem Adel und dem Klerus vorbehalten.

Hier ein Beispiel klerikaler Backsteinarchitektur am Kloster Wienhausen, etwa 15 Kilometer von Wohlenrode entfernt.

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Das Kloster spielt im Zusammenhang mit der Familiengeschichte eine besondere, leicht pikante und leider nur mündlich überlieferte Rolle. Doch davon später.

Das Brennen von Ziegeln verlangt profunde handwerkliche Fähigkeiten, die Verwaltung einer Ziegelei erfordert Rechnen, Schreiben und Lesen. Sowas konnte kein vierschrötiger, saisonal arbeitender Wanderziegler aus dem Emsland. Vor meinem geistigen Auge entwickelt sich das Bild eines gut ausgebildeten, recht wohlhabenden Handwerksmeisters aus dem Raum Geldern, den es, nach dem Wegfall seines dortigen adeligen „Kundenstamms“, evtuell auch aus religiösen Gründen in den Einflußbereich des reformierten Herzogtums Braunschweig Lüneburg zog.

Eine weitere Möglichkeit der Migration unseres Urahns hat einen kriegerischen Hintergrund: 1519 unterstützte der Herzog von Geldern den Herzog von Braunschweig Lüneburg in der „Hildesheimer Stiftsfehde“ durch 400 „geldrische Reiter“. Eine potenzielle Möglichkeit, für einen Veteranen, umzusiedeln? Diese Theorie gefällt mir insofern nicht, als daß Arendt von Gellern, hätte er tatsächlich an dieser Schlacht teilgenommen, bei der Geburt seiner jüngsten Tochter Ursula im Jahr 1562 bereits um die sechzig Jahre alt gewesen sein muß.

Und damit komme ich zurück zum Stichwort Querverweise. Diese Tochter Ursula war es nämlich, die in ihrem Testament ihre sieben Geschwister namentlich erwähnte: Jürgen, Hans, oder Johannes, Jochim, bzw. Joachim, Werner, Anna, Catharina und Ursula.

Damit wäre die erste Generation komplett.

Jürgen von Gellern kam um 1550 in Wohlenrode bei Celle als ältester Sohn Arendts von Gellern, dem mutmaßlichen Pächter des dortigen, fürstlich Lüneburgischen Ziegelhofs zur Welt. Später übernimmt er dessen Position des Pächters, bzw. Verwalters, heiratet die adelige Dorothea von Elding *(?) †1643 und zieht mit ihr nach Braunschweig, wo sich bereits seine jüngste Schwester Ursula niedergelassen hat.

Für 750 Gulden kauft er das Wohnhaus mit Hof Nr. 44, (später Hinter Brüdern 21) und wurde mit seiner Frau im September 1598 Bürger der Stadt Braunschweig. In der Neubürgerliste erscheint er als „Jürgen von Geldern, von Wohlenrode bürtig“ Außerdem werden ihre sieben Kinder namentlich erwähnt: Albert, Catharina, Dietrich, Jürgen, Liesbet, Lucia, Clara

Die Stelle des Ziegeleiverwalters in Wohlenrode überläßt er seinem jüngeren Bruder Hans gegen eine Abfindung und wird seinerseits um 1609 Verwalter der Ratsziegelei Garßen, heute ein Reiterhof. Und damals circa fünfzehn Kilometer östlich seines und fünf Kilometer südlich des Geburtsortes seiner Frau gelegen. Sein Haus in Braunschweig wird bereits 1615 wieder verkauft. Und sein gleichnamiger Sohn Jürgen übernimmt nach dem Tod Jürgen von Gellerns im Jahr 1619 die Verwaltung der Ratsziegelei Garßen.

Hans, unser Stammvater wird in den Recherchen von Walter von Geldern-Crispendorf leider etwas stiefmütterlich behandelt. Er war von 1598 bis etwa 1620 Pächter des fürstlich Lüneburgischen Ziegelhofs Wohlenrode, hatte einen Sohn namens Joachim und eine, namentlich nicht bekannte Tochter, die später einen Melchior Stolte aus der Gegend von Peine heiratet.

Anna von Gellern heiratet den braunschweigisch-lüneburgischen Oberförster Friedrich Crauel aus Claustahl. Und hier gibt es in den Quellen gleich zwei Querverweise:  erstens auf die Namen ihrer Eltern Arendt und Catharina und zweitens auf eine potenzielle adlige Abstammung: “Tochter Herrn Arendt von Gellern, eines sonst alten und fürnehmen Geschlechts“ Für meine Begriffe bemüht Onkel Walter hier aber ein wenig zu sehr den Konjunktiv.

Beim nächsten Mal: wie die Kinder von Jürgen steile akademische Karrieren machen, während sein Neffe Joachim die Ziegelei in Wohlenrode an seinen Schwager verkauft und seinen Nachkommen so langsam die Einkommensquelle versiegt.

Rainer Gellern, 12.06.2016, 01:25.

Quellen gibt’s später oder auf Anfrage, bin jetzt zu müde.

 

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